Glaube und Gottesbegriff   Leave a comment

1. Glaube und Gottesbegriff
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Glaube für ganz normale Erwartungen verwendet, wo Unwissenheit und Unsicherheit keine existentiellen Dimensionen haben. Zum Beispiel ich glaube, sie kommt wieder mal zu spät, oder ich glaube. ich werde krank. Wenn ich aber daran glaube, dass mein Leben einen Sinn hat, dass ich nach dem Tod in irgendeiner Form weiter existiere und dass eine große Kraft "die Welt zusammenhält und lenkt", dann ist dieser Glaube die Basis für irgendeine Form von Gottesbegriff.

                                                           Glaube und Gottesbegriff

1.1 Der Glaube wird aus Sehnsucht geboren
Diese "ganz normalen Erwartungen" finden wir auch überall in der Tierwelt. Der Hund erwartet und glaubt, dass er immer zu einer bestimmten Zeit gefüttert wird, die Amsel glaubt bald wieder einen Wurm aus der Rasenfläche ziehen zu können. Wir Menschen aber sind uns unserer Endlichkeit bewusst, wir stellen existentielle Fragen und sehnen uns nach Antwort. Die Antwort aber müssen wir uns leider selber geben.

1.1.1 Sehnsucht nach einem Leben jenseits des Todes
In allen Völkern ist die Sehnsucht nach einem Weiterleben oder einer Existenz in irgendeiner Form nach dem Tod durch schriftliche und bildnerische Zeugnisse belegt. In jeder Religion ist diese Sehnsucht und der daraus erwachsene Glaube eine wesentliche Grundlage.

1.1.2 Sehnsucht nach Sinn
Alle Menschen geben ihrem Leben und all ihrem Tun und Streben einen Sinn. Kurzfristige Ziele werden leicht erreicht, mittelfristige erzeugen Motivation und Energie, langfristige schlummern in Träumen, bilden jedoch unbewusste Kräfte. Ohne ein Gefühl der Sinnhaftigkeit über unsere bekannte Welt und Zeit hinaus würden wir mehr oder weniger in eine lähmende Lethargie verfallen.
Religionen liefern hier ein großes Spektrum an Sinngebung.

1.1.3 Sehnsucht nach Bestätigung
Jeder sucht Bestätigung in seinem Tun, Denken und Fühlen, wir sind eingebunden in einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Allein und außerhalb dieser Gemeinschaft fangen wir an zu zweifeln, verlieren Sicherheit und Schutz. Religionen brauchen die Glaubensgemeinschaft, andernfalls verliert der Glaube an Kraft. Die Glaubensgemeinschaft      kämpft darum und viele opfern sich selbst und töten andere.

1.1.4 Sehnsucht nach Liebe
Neben der sexuellen Liebe mit dem Ziel biologischer Reproduktion sehnen wir uns nach unvergänglichen Formen der Liebe, eine über die Mutter- und Vaterliebe hinausgehende ewige Liebe, die Gottesliebe.

1.1.5 Sehnsucht nach dem Vater
Die Mutterliebe ist uns gewiss, sie ist sozusagen genetisch verankert. Der Vater jedoch verlangt etwas für seine Liebe, er ist streng und fordernd, wir wollen ihm gerecht werden, daran wachsen. Der Vater übernimmt auch die Verantwortung, er schützt und erklärt das Unbekannte. Die Konstruktion von Gottvater ist dem leiblichen überlegen. "Gottmutter" im Gegensatz zur Mutter Gottes gibt es in christlichen Vorstellungen nicht. Die spezifischen Vorstellungen einer Gottmutter in manchen Religionen bestimmen das Leben dieser Völker auf eine ganz andere Art.

1.2 Der alte Gottesbegriff
Die religiöse Antwort auf existentielle Fragen beinhaltet den "alten" Gottesbegriff, der zwar in den verschiedenen Religionen variiert, jedoch letztendlich darauf beruht eine Schöpfung des Menschen zu sein. Diese Schöpfung entspricht den archetypischen Erwartungen und Sehnsüchten aller Völker.

1.2.1 Der Mensch hat Gott geschaffen
Wir müssen uns also die Antwort selber geben. Dem Gewitter in einer Naturreligion eine göttliche Dimension zuzusprechen fällt nicht schwer, ist einigermaßen glaubhaft für viele Menschen und taugt auch noch für einen kultischen Überbau. In Hochkulturen allerdings steigen die Ansprüche und damit die Komplexität der Religion. Gott wird zunehmend abstrakter, da er mit philosophischen Konstrukten konkurrieren muss. Dennoch, die Glaubensgemeinschaft, der strenge Zusammenhalt, die Drohungen und Strafen und nicht zuletzt die Pracht kultischer Entwicklungen, die liturgischen Abläufe, die Denkmäler, das Bewusstsein von Tradition und Geschichte überzeugt die Mehrheit. Die Einbindung Gottes in den gesamten Lebensablauf ist eine Selbstverständlichkeit. Und viele sind auch bereit dafür zu sterben. Die kirchlichen und die weltlichen Herrscher haben immer ihre Ziele damit erreicht.

1.2.2 Der Mensch kann sich befreien
Wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, hat man sich schon befreit. Jedoch sind auch die Befreiten immer noch Teil der Gesellschaft und ihren Usancen unterworfen. Aber die Handlungen werden kritisch hinterfragt, neue Werte, aus anderen Überzeugungen erwachsen, treten in Widerstreit mit Gewohntem. Das kann eine aufregende Herausforderung sein, es kann aber auch zum Nervenkrieg mit den Gegnern werden. Diese Schrift hier ist nur möglich, weil sie in einem demokratischen Umfeld entsteht.

1.2.3 Der Preis der Freiheit
Wenn man sich vom alten Gottesbegriff befreit hat fühlt man sich nicht einsam, sinnentleert und in animalische Dumpfheit zurückgeworfen, man hat es ja mit Überzeugung getan, man hat sich von einer Täuschung befreit. Aber was tritt an die Stelle? Welche Antwort gibt es auf die immer noch drängenden Fragen? Wer stillt die Sehnsucht? Niemand und nichts. Kann man so glücklich sein? Erst recht! Denn das was jetzt noch bleibt ist das nackte Leben. Und dieses Leben ist sehr kurz wenn man gelernt hat glücklich zu sein. Dieses nackte Leben muss täglich gelebt werden, gestaltet und geliebt werden bis Krankheit und Tod es in die Materie zurückwerfen. Aus dieser einfachen Erkenntnis heraus eröffnen sich ganz neue Werte.

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Veröffentlicht 18. September 2011 von Bobelle in Aktuelles

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