Das Internet: Vom Ideal zum Flickwerk   Leave a comment

Das Internet ist ins Gerede gekommen. Die USA wollen es auf Druck der Film- und Musik-Verbände zensieren. Twitter hat sich selbst zur Zensur verpflichtet. Länder wie Weißrussland, Iran, China streben eine totale Internet-Kontrolle innerhalb ihrer Grenzen an. Und technische und anwendungsbezogene Insellösungen torpedieren die Idee eines weltumspannenden, freien und offenen Internet. Wie steht es heute um die idealistischen Zielen der Internet-Väter und wohin geht die Reise?

Wie viele verschiedene Internets brauchen wir?

Es ist fast 40 Jahre her, als der Begriff "Internet" zum ersten Mal in der Diskussion von Netzwerken auftauchte. Es war eine Kurzform des Wortes "internetworking" und war damals ein Adjektiv – kein Substantiv wie heute. Gemeint war damals auch kein ausdefiniertes Netz, sondern lediglich die Verbindung von unterschiedlichen Netzen – ein inter-networking eben.
Daraus entstand die Internet-Definition als ein "Netz der Netze", das heißt, das Internet an sich war kein eigenes Netz, sondern es war eine darüber gelegte Struktur, mit der sich die damals konkurrierende Netzwerke, wie MILNET, NSI, ESNet, CSNET und NSFNET verbinden ließen. Doch die relativ einfache Struktur des Internets erlaubte das Anbinden von vielen unterschiedlichen Netzen, die zumeist über simple Gateways ans Internet angebunden wurden.

Internet-Freiheitsindex: Spitzenreiter sind nicht die USA, sondern Estland.

Internet-Freiheitsindex: Spitzenreiter sind nicht die USA, sondern Estland.

Nur ein Netz von vielen?
Dieser kurze Rückblick in die Geschichte des Internets ist hilfreich, um die aktuellen Entwicklungen und die vermutlich nächsten Phasen des Internets zu verstehen. Viele gegenwärtige Maßnahmen und Gesetze deuten inzwischen darauf hin, dass das Internet bald wieder nur ein Netz von vielen unterschiedlichen Netzen sein wird. Dieses Mal sind es aber nicht konkurrierende Netztechnologien, die den aktuellen freien Fluss von TCP/IP zwischen den Nutzern behindern, sondern es sind virtuelle Grenzschlagbäume, kulturelle Differenzen, unterschiedliche Persönlichkeitsrechte, eingeschränkte Meinungsfreiheit und unterschiedliche Gesetze und Auffassungen bezüglich der Eigentumsrechte.
"Der freie Zugang und die repressionsfreie Nutzung des Internets geht kontinuierlich zurück", heißt es in einer von der UN gesponserten Untersuchung von Freedom House. Deren Bericht basiert auf eine eingehende Untersuchung der Internet-Freiheit in 37 Ländern. "Die ersten Zugangsbeschränkungen starteten bereits Ende der 90er-Jahre und sind seitdem immer schärfer geworden", heißt es in der Zusammenfassung.
Für alle untersuchten Länder hat Freedom House einen Freiheits-Index erstellt und darüber eine Tabelle veröffentlicht. Auf Platz eins befindet sich Estland, gefolgt von den USA und Deutschland. Schlusslicht ist erwartungsgemäß der Iran, mit Burma, Kuba und China auf den Plätzen davor, und deren Index ist nur unwesentlich besser.

Internet-Weltkarte: Die Farbe grün, die ein freies Internet symbolisiert, ist eher unterrepräsentiert.

Internet-Weltkarte: Die Farbe grün, die ein freies Internet symbolisiert, ist eher unterrepräsentiert.

Der Club der Ausgrenzer
Der Iran ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Politik das weltweite Internet unterlaufen kann. Die dortigen ISPs dürfen keinen direkten Internet-Zugang haben, sondern müssen sich diesen über staatliche Access Service Providers beschaffen. Es gibt nur vier Gateways ins internationale Internet, die alle überwacht und gefiltert sind. De facto hat der Iran innerhalb seiner Landesgrenzen ein eigenes Netz, dass zwar aus Kompatibilitätsgründen technisch mit dem Internet vergleichbar ist – ansonsten aber hinter einem elektronischen Zaun verborgen bleibt. Ähnlich ist die Situation in China, Tunesien, Saudi Arabien, Thailand und neuerdings auch in Weißrussland. In einer etwas abgemilderten Form gehören auch die Internets in Russland, Indien, der Türkei und Malaysia in diese Kategorie.
Wie effizient diese Maßnahmen gehandhabt werden können, beweist China, wo es keine Google- und Facebook-Seiten gibt. Auch die Abschaltung des Internets in Ägypten während der Unruhen vor zwei Jahren hat deutlich gemacht, wie einfach ein globales Internet manipulierbar ist. Auch hier wurden nur die wenigen Gateways ins internationale Netz blockiert – und schon verlöschten alle Browser-Seiten. Ein weiteres Beispiel für das Entstehen von landesspezifischen Netzen ist die neue Zensur-Regelung bei Twitter, die auch über Nacht deutlich gemacht hat, wie un-offen die weltweiten Netze inzwischen sind.

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Veröffentlicht 1. März 2012 von Bobelle in Aktuelles

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