Zaghafte Begegnungen   Leave a comment

Konzert im Knast kommt gut an bei Gästen und Insassen

Senne. Freiwillig in den Knast begaben sich am Mittwoch rund 120 Senner, die der Einladung des Kulturkreises Senne zum Open-Air-Konzert mit "Dr. Lippenkraft" in der Justizvollzugsanstalt (JVA) gefolgt waren. Etwa ebenso viele Gefangene nahmen teil und freuten sich über die willkommene Abwechslung.

"Endlich mal was los hier", begrüßen die "Knastis" die Veranstaltung. "Ich finde es gut, dass sowas stattfindet, auch wenn es nicht meinen Musikgeschmack trifft", meint Tobias (Name geändert), der Hip-Hopper ist. Das stört Martin (Name geändert) gar nicht. "Ich bin DJ für Mittelalter-Folkrock, aber offen für jeden anderen Musikstil und mag die lockere Stimmung, die Dixieland verbreitet."

Es sei allerhöchste Zeit, dass man mit solchen und anderen Aktionen den Vorurteilen gegenüber Gefangenen begegne, betont Martin. "Wir sind Menschen wie andere auch und haben eben einen Fehler gemacht." Seine Kinder wüssten, dass er im Knast sei. "Aber sie sagen anderen, dass ich im Ausland arbeite." Dass Prominente um ganz andere Summen betrogen haben und nicht in den Knast müssen, sorgt für Bitterkeit. "Ich habe mit meinem Scheckbetrug nur dafür gesorgt, dass meine Familie was zu Essen kriegt, und die leben im Luxus und hätten zahlen können."

Es gibt viele Gefangene, die offen sind, gerne ihre Geschichte erzählen oder auch, was der Verlust der Freiheit mit ihnen anstellt. Aber die Scheu der Gäste von außen, sich einfach dazuzustellen an einen Tisch, wo Menschen stehen, die man nicht aus Senne kennt, ist groß. "Die Begegnung sorgt auf jeden Fall schon mal für die Erkenntnis: Man sieht es den Gefangenen nicht an", erklärt der erste Vorsitzende des Kulturkreises, Hans-Friedrich Thoben. "Und wer möchte, kann hier völlig unproblematisch mit den Menschen aus der JVA ins Gespräch kommen." Daniel Rilli vom Gefangenen-Seelsorge-Verein gibt zu, dass die meisten Insassen Grüppchen bilden und die Gäste auch. "Aber es gibt auch Senner, die den Kontakt aufnehmen. Und es kommt zu lockeren Gesprächen zwischen Insassen und Gästen beim Warten auf das Würstchen und beim Getränkestand", hat er beobachtet. Beim Theaterstück im vergangenen Jahr habe es noch mehr "Durchmischung" gegeben. "Gemeinsame Veranstaltungen wie diese helfen, Vorurteile abzubauen, zu sehen: Strafgefangene kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten."

Die Gefangenen hier sind im so genannten offenen Vollzug, viele von ihnen bewegen sich "draußen", fangen schon vor der Entlassung mit einer Arbeit an. "Wer mit ihnen spricht, erkennt: Straftaten haben immer einen Hintergrund." Jeder habe das Recht auf eine zweite Chance. "Die hat der Entlassene aber nur, wenn wir es schaffen, ihn in Arbeit und ein soziales Umfeld zu bringen, sonst kommt er wieder." Die Arbeit der Gefangenen in den Werkstätten können die Gäste zum ersten Mal bei "Kultur im Knast" auch würdigen, indem sie ein Bienenhotel, einen Grill oder ein Holzspielzeug erwerben.

JVA-Freizeitkoordinator Frank Bauke freut sich nicht nur über das schöne Wetter, um das er bis zum Schluss gebangt hat, sondern auch über die große Resonanz bei den Insassen. "Der Zuspruch war doppelt so groß wie im vergangenen Jahr, das bestärkt uns." Für einen Euro erhielten die Gefangenen ein Bändchen, das frei Essen und Trinken ermöglichte. "Das ist das Schönste", erklärt Andreas (Name geändert), der sich seine vierte Bratwurst schmecken lässt.

Die Band auf der Bühne serviert derweil lockeren und fröhlichen Dixieland und überlässt gerne Helmut St. das Mikrophon, der ein selbst gedichtetes und komponiertes Lied über das Leben im Knast singt. "Der Weg nach Hause ist schwer für einen Häftling hier", heißt es da. "Viele sehen ihre Familien niemals mehr", reimt der Mann, der seit 16 Jahren im Knast sitzt. "Tage um Tage zähle ich mit Bangen: Wann komm ich endlich raus?", macht er die Sehnsucht deutlich – um dann festzustellen, dass die Kinder erwachsen sind und die Eltern tot, wenn es endlich so weit ist.

Quelle Neue Westfälische


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Veröffentlicht 4. Juli 2013 von Bobelle in Aktuelles

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